Textatelier
BLOG vom: 27.09.2014

An der Limmat in Zürich, wo man sich fein verköstigen kann

Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Gewiss, ein Sonntagsausflug an den Limmatquai mitten in der Stadt Zürich strotzt nicht gerade vor Originalität, auch wenn der französische Schriftsteller Michel Tournier einmal sagte: „Meine Schweiz, das ist Zürich, die stärkste und internationalste Schweiz (...)“. Nachdem ich seit mehreren Monaten nicht mehr dort war, stieg ich gern auf den Vorschlag ein, im familiären Bereich, in dem sich die Geburtstage wie die Jahreszeiten Schlag auf Schlag folgen, in der Rôtisserie des Hotels „Storchen" zu brunchen. Die Geschichte dieses gastlichen Hauses reicht 650 Jahre tief in die Vergangenheit zurück. Es hat am linken Limmatufer eine eigene Schiffsanlagestelle. Das kolossale pinkfarbene Haus atmet noch den Geist des auslaufenden Mittelalters, ohne irgendwie veraltet zu sein. „Savoir vivre“ lautet die Devise für Lebenskünstler und solche, die hier vorbeikommen und es werden möchten.
 
Der verirrte Kran
Bei der Anreise habe ich erstmals den angerosteten Hafenkran aus Rostock (während der DDR-Zeiten ein höchst bedeutender Ostsee-Hafen) gesehen, dessen Arm schräg hinauf zu den Wolken weist, damit eine Diagonale ins Stadtbild bringt und mit den gepflegten historischen Häuserzeilen und dem Grossmünster um Aufmerksamkeit ringt – das Eisenoxid (Rost) gilt als eigentliches Kunstwerk des ausrangierten Krans. Man mag das monumentale, kraftsprühende, 30 m hohe Ungetüm als schön oder als störend empfinden; sicher ist es originell. Auch als sinnlos, was Kunst ja sein darf. Ein Selbstzweck. Für mein Empfinden ist ein Kran immer das Markenzeichen einer Baustelle, einer Veränderung und damit einer Beunruhigung. 2015 soll das Stahlgestell, das ohne Hochseehafen einen etwas verirrten Eindruck macht, abgebaut und verschrottet werden. Meine Trauer wird sich in Grenzen halten.
 
Das aus der Asche auferstandene Zimmerleuten-Zunfthaus
Von noch grösserem Interesse war für mich das Zunfthaus zur Zimmerleuten („Zum roten Adler“), das im November 2007 zu einem grossen Teil durch Feuer zerstört wurde und seit Ende Oktober 2010 wieder aufgebaut ist – eine meisterliche Handwerkerleistung, wie es sich für Zimmerleute gehört (www.zimmerleuten.ch). In der gleichen Vereinigung waren ursprünglich übrigens auch die Maurer und (Fass-)Binder.
 
Das Gebäude ist aussen und innen ein Bijou. Das mit vielen Lukarnen strukturierte Dach ist mit hellbraunen bis gelblichen Ziegeln bedeckt. Im Innern ist alles, wie es schon vor der Brandkatastrophe war, das heisst, wie ich es aus den 1960er-Jahren in Erinnerung habe – bis zur gewundenen Steintreppe mit dem schmiedeeisernen Geländer.
 
Hinter einer Holzwand ist im kleinen Zunftsaal in der 2. Etage eine bemalte Fläche versteckt, die als vereinfachte Kopie in einem Raum neben dem Eingang im Parterre skizziert ist. Das Bild zeigt im Zentrum die geflügelte und gekrönte Frau Minne, die Herrin der Liebe und Richterin in Liebesangelegenheiten. 2 kauernde Männer dienen ihr als Thron. In der rechten Hand hält die Liebeskönigin einen Pfeil, mit dem sie einem links von ihr knienden Jüngling ins Herz sticht. Der junge Mann billigt dieses brutale Vorgehen, denn er hat bereitwillig sein Wams geöffnet; doch macht das abstrahierte Bild keinen blutrünstigen Eindruck. In ihrer linken Hand präsentiert Frau Minne ein stilisiertes Herz, das sie einem rechts von ihr knienden Jüngling aus der Brust gestochen haben könnte. Das Entsetzen des Mannes über diese Tat ist an seinen emporgehobenen Händen ablesbar. Unter Posaune sind beidseitig je 1 Liebespaar auszumachen.
 
Im ehrwürdigen Zunfthaus, in dem es sonst keine solchen Schauerszenen gibt, können Feste gefeiert sowie Konferenzen abgehalten werden, und zudem ist ein gepflegtes Restaurant vorhanden.
 
Wir selber hatten direkt gegenüber, auf der anderen Limmatseite, im eingangs erwähnten Hotel Storchen, einen runden Tisch an idealer Lage direkt am Fenster zugewiesen erhalten. Der dem Aargau zustrebende Fluss lag vor uns; manchmal fuhr ein schlankes Ausflugsboot mit verglastem Deck vorbei. Und am anderen Ufer entfaltete sich das Limmatquai, unter dessen Namen das ganze rechte Ufer steht; ein Quai ist eine Uferstrasse. 2006 wurde dieser Zirkulations- und Erholungsraum neu gestaltet. Direkt gegenüber ist das quergestellte Haus zum Rüden mit den Arkaden, das Versammlungshaus der Gesellschaft zu Constaffel, eine amtliche Wahlzunft. Daran schliesst sich das Zimmerleuten-Zunfthaus an.
 
Der Boden des Limmatquais wurde mit exakt zugehauenen Steinen und fest verfugten Pflästersteinen aus Vietnam gestaltet. Er wird an jedem frühen Morgen gewaschen, weil oft das Nachtleben im dahinter liegenden Niederdorf seine Spuren hinterlässt. Diese Morgentoilette ist ein Bestandteil der sprichwörtlichen Sauberkeit von Zürich.
 
Das Frühstück-Mittagessen
Der herausgeputzte „Storchen“ am Weinplatz 2 (www.storchen.ch) machte einen noch gepflegteren Eindruck. „Der Gast trifft auf Mitarbeiter mit positiver Ausstrahlung“ sagte Geschäftsführer Jörg Arnold gegenüber der Hauszeitschrift „Storchen Magazin“, und wir können das sehr wohl bestätigen. Die junge Serviererin Nadja Ruppelt führte uns in die Buffet-Geheimnisse ein und sagte, der vollmundige Prosecco von der spanischen Azienda „La Farra“, die frischen Fruchtsäfte, der Tee, Orangen-, Grapefruit- Multivitamin- und Tomatensaft wie auch der Kaffee seinen im Preis von 78 CHF inbegriffen; doch Mineralwasser und Weine müssten speziell bezahlt werden. Nestwärme und Geborgenheit finde man hier, hatte Jörg Arnold noch gesagt. Wenn die Nestränder aus exzellenten, thematisch organisierten Buffets bestehen, dann fühlt man sich umso wohler.
 
Die Auslage mit den vielen Fischspezialitäten wie dem festen Teufelsfisch und Krustentieren, unter anderem Jakobsmuscheln und Scampi, zog mich vor allem an. Alles war von bester Qualität, ein Fischsalat hatte eine angenehm pikante Note. Daneben war auch alles, was ein kontinentales Frühstück ausmacht – Brötchen, Toast, Würste (Cipollatas), Rührei, Käse, Konfitüre, Bienenhonig aus der Wabe, Joghurt, Birchermüesli, Früchte etc. Ohne Spiegeleier, gebratenem Speck und Pancakes mit Ahornsirup würde etwas fehlen. Hausgeräucherter Lachs erster Güte, Vitello tonnato, Schinken, Salami, Bündnerfleisch und Antipaste waren als Vorspeisen gedacht.
 
Ein Brunch, der den Namen verdient, ist schon in des Worts tieferem Sinn und Geist eine Kombination von Frühstück (Breakfast) und Mittagessen (Lunch). Warme Speisen standen bereit. Der Hauptgang, der den Lunch verkörperte, bestand aus rosé gebratener Rindshuft mit Rotweinsauce, Zürcher Geschnetzeltem mit Butternudeln, Kalsbraten, Kartoffelgratin und Safranreis, verschiedenen Saisongemüsen. Als Chef de Cuisine amtet seit Jahren Fredi Nussbaum im Storchen.
 
Besonders hervorgehoben seien der Gratin dauphinois mit Kastanien und die Saucen, worunter eine Madeirasauce. Das Züri-Geschnätzlete aus Kalbfleisch hatte etwas unter dem gelitten, was ich als Kantineneffekt bezeichne: Das lange Herumstehen in einer zugedeckten Chromstahlschale, in deren Wärme das Weitergaren nicht zu verhindern ist. Dies führte dazu, dass das Fleisch an der hellen Rahm-Bouillonsauce etwas trocken war. Man müsste das Kalbfleisch (im Idealfall mit Nierli) immer frisch kurz anbraten, was aber den Rahmen eines Buffets sprengen würde. Am warmen Buffet wurden wir aber sehr aufmerksam bedient.
 
Ein Höhepunkt, für den man einige Kapazitäten freihalten musste, war das Dessert: Schokoladenmousse hell und dunkel, Früchtemousse, Gebrannte Crème, Tiramisù, Glace- und Sorbetauswahl, Beeren und Fruchtsalat, Früchtetörtchen und Früchteschale.
 
Besteck und Teller wurden laufend unauffällig gewechselt; die Teller waren vorgewärmt. Am Personal war nicht gespart worden. Natürlich konnte man nicht alles probieren, musste aus Kapazitätsgründen sein eigenes Menu zusammenstellen, wobei eine riesige Auswahl diese Wahl, die keine Qual ist, attraktiver macht. Jedenfalls waren wir alle sehr zufrieden unter der blau und mit Wolken bemalten Diele der „Storchen“-Rôtisserie, wo man sich beim Servieren der Fleischgerichte und beim Schlemmen wie unter dem freien Himmel vorkommt.
 
Draussen hatte es noch mehr Wolken, und daraus prasselte gerade ein Gewitter nieder. Als der Regen vorbei war, taten wir noch ein paar Schritte der Limmat entlang. Neben dem Rüden, am Eingang in die Marktgasse, las ich den Schriftzug Bianchi. Während meiner eigenen hobbymässig betriebenen Kochphase, die auch in verschiedenen Publikationsorganen einen Niederschlag fand, hatte ich jeweils dort rare Comestibles-Produkte wie seltene Fische, Krustentiere und spezielles Geflügel, etwa ein Bressehuhn, gekauft. Auf Bestellung hatte mir das Familienunternehmen jeweils das Unmögliche möglich gemacht, das heisst das Gewünschte irgendwo aus der weiten kulinarischen Welt besorgt. Die Firma ist heute in CH-5621 Zufikon ansässig und verkauft Comestibles (Feinkost, Delikatessen) an Grossbezüger.
 
So schwelgte ich in Zürich praktisch und theoretisch in Erinnerungen, erlebte das gesellige Tafeln als ein Fest der Sinne. Wahrscheinlich ist „mein Zürich“ nicht die normale Grossstadt, und allein der kleine Sektor ist es wert, nicht vernachlässigt zu werden.
 
 
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